Open Air St. Gallen

Dass die Schweizer nicht nur für ihre Schokolade oder ihren Kaese bekannt zu sein bräuchten, demonstierten sie beim OpenAir St. Gallen zweifellos. Ein perfektes Festival, gespickt mit Highlights wie Mando Diao, Nine Inch Nails, Peter Fox, Farin Urlaub Racing Team, 2raumwohnung und The Sounds.
Das 33. OpenAir St. Gallen bescherte dem Publikum ein Wechselbad der Gefühle: Eine laue Brise und purer Rhythmus zu Beginn, heftige Wolkenbrüche und mörderische Klänge als Hauptgang, Schlammschlachten und ein völlig zerstörtes Gelände als Zugabe. Im Sittertobel herrscht der Ausnahmezustand. Die Besucher tauchten in die St. Galler Festivalwelt ab und kehrten erst drei Tage später berauscht wieder in die reale Welt zurück: Dazwischen lag eine grosse, feuchtfröhliche Party, bei der sich jeder mit jedem verbrüderte.
Der plötzliche Tod des "King of Pop" blieb in dieser Parallelwelt fast unbemerkt. Lediglich das Rap-Trio Cypress Hill aus Los Angeles legte am Freitagnacht seine Joints für eine Schweigeminute auf die Seite und am Samstagnachmittag versuchte sich Olli Schulz an Michael Jacksons Moonwalk. Der Hamburger Barde büßte den Versuch mit einer vom Schritt bis zu den Fesseln verschlissenen Hose.

Weder Elvis Presleys Graceland noch Michael Jacksons Neverland also, dafür ein einziges Mudland. Schlamm so weit das Augen reichte. In der Nacht auf Samstag brachen heftige Wolkenbrüche über das Naturschutzgebiet im Sittertobel nieder und hinterliessen knietiefe Schlammlöcher. Die grünen Wiesen waren einer undefinierbaren braunen Masse gewichen. Viele Zelte an den Hanglagen gerieten ins Rutschen. Das Festival-Volk vergnügte sich derweil ausgelassen bei munteren Schlammschlachten.
Für die Veranstalter werden die starken Regenfälle ein teures Nachspiel haben. Die Rekultivierungskosten dürften in diesem Jahr einige Zehntausend Franken verschlingen. "Es gab trotzdem keine Enttäuschungen und Ausfälle", sagte Programmchef Christoph Huber. Das Festival war seit Samstagabend mit 95.000 Tickets ausverkauft. Die krasse musikalische Stil-Mischung schien also aufgegangen zu sein, da sie ein gewaltiges und durchmischtes Publikum angelockte.
Während sich am Freitag die Schweizer Lovebugs um die Publikumsgunst mit Größen wie Peter Fox und Cypress Hill stritten, war der Auftritt von den Flaming Lips eine Klasse für sich. Absolut schräg und abgefahren war die Show. Ganz in orange und mit einer Horde Teletubbies, Luftschlangen und Konfetti. Die Musik geriet ob der ganzen Ablenkung nahezu in den Hintergrund. Ein fulminanter Abschluss des ersten, noch teilweise sonnigen Festivaltages.

Zu den musikalischen Sternstunden am Samstag zählten das Konzert von Farin Urlaub Racing Team – die Band sorgte schon mitten im Nachmittag für eine riesige Party. Ebenso die darauffolgenden Schweden von John Ossi und Stress, die von der ersten Sekunde an das Publikum in ihren Bann zogen. Sophie Hunger ließ am frühen Samstagabend auf der Nebenbühne die Sterne funkeln. Die Schweizer Songwriterin verzauberte mit wiederborstigen Songs und sirenenhafter Stimme. Bei Bob Dylans Like a Rolling Stone kamen Erinnerungen an das legendäre Woodstock-Festival auf. Aber die Hippie-Zeiten sind natürlich längst vorüber, auch in St.Gallen. Auf der Bühne dominierten nun Zweireiher und Glamouroutfits. Der Australier Nick Cave erschien im gediegenen Anzug und schwarz gefärbter Mähne. Der Altmeister des Alternativrock war satanisch gut gelaunt. Er liess wilde Rosen blühen, heulte wie ein Wolf, flirtete mit dem Publikum und versprühte sein ganzes Charisma über die Festivalgemeinde.
Aggressionsgeladene Songs gepaart mit entfesselter Energie schmetterten Trent Reznors Nine Inch Nails Samstagnacht von der Bühne. Fast zwei Stunden lang prasselte eine geballte Ladung Kettensägen-Musik auf das euphorisierte Publikum nieder. Alle anderen, bis dahin absolvierten Auftritte verblassten im Licht der blenden Stroboskop-Scheinwerfer.

Die ersten Glanzpunkte des Sonntags gingen auf die Konten des belgischen Shooting Stars Milow sowie des Ostschweizer Duos Junes, das das Publikum mit sanften Klängen und träumerischen Texten verzauberte. Highlights, wie The Sounds, 2raumwohnung, Editors und Mando Diao, sorgten ebenfalls dafür, dass sich der Großteil der Besucher erst spät aus dem Sittertobel verabschiedete. Doch wer könnte es ihnen verübeln, denn nach zwei, eher von schlechtem Wetter gerpägten Tagen trocknete die Sonne am Abschlusstag mühelos alle Schlammlöcher und sorgte ebenfalls dafür, dass sich die Hauttöne der Festivalbesucher rötlich verfärbten.
Im Hinblick auf das Programm ließ das 33. OpenAir St. Gallen wahrlich kaum Wünsche offen - sowohl Besucher als auch Bands zeigten sich begeistert. Ein Verfallsdatum des Festivals ist auch nach über 30 Jahren nicht abzusehen, das nachwachsende Publikum und das Booking halten es jung. Man kann sich also auf den 34. Jahrgang 2010 freuen.










